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Erste Sorgen

Nach zwei Tagen ist Shirin immer noch nicht aufgetaucht. Ein Anruf auf ihr Handy ergibt: Kein Anschluss unter dieser Nummer. Ich mache mir mittlerweile ernsthaft Sorgen und gehe deshalb zur Polizei. Praktischerweise haben wir direkt an der nächsten Kreuzung eine Wache.

Der zuständige Kollege gibt sich kompetent und offen. Er nimmt die Personalien meiner Schwester auf, fragt die zu erwartenden Fragen („Wie alt ist sie?“, „Wie lange ist sie schon weg?“, „Wo könnte sie noch sein?“, „Ist sie öfter weg?“).

Nach Klärung aller Punkte verspricht mir der Beamte, die Sache ernst zu nehmen, weist mich aber auch darauf hin, dass ich nicht mit einer schnellen Klärung rechnen kann. Insbesondere hebt er aufgrund eines ungeschickten Zugeständnisses („Ja, Shirin ist schon öfter mal ein paar Tage verschwunden … Aber nicht so!“) hervor, dass man sich vielleicht gar keine Sorgen machen muss und Shirin möglicherweise schon morgen vor der Tür steht.


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Noch ein bisschen Zeit

„Shirin? Welche Shirin?“

„Shirin Takama! Sie arbeitet seit drei Jahren bei Ihnen!“

„Lassen Sie mich einen Moment in den Unterlagen nachsehen. Bei uns arbeiten ja doch ein paar mehr Leute, als ich immer im Blick habe“

Nach einer kurzen Pause und etwas Getuschel im Hintergrund meldet sich die weiblich Stimme zurück. „Tut mir Leid. Sind Sie sicher, dass Sie die richtige Nummer gewählt haben?“

Die gute Frau am anderen Ende scheint nicht ganz auf der Höhe zu sein.

„Hören Sie: Ich weiß genau, dass ich gerade bei Werbabim anrufe und dass Shirin bei Ihnen arbeitet. Wie ist Ihr Name eigentlich nochmal?“

„Helga Roth … Ich kenne hier eigentlich die meisten. Mich wundert es, dass ich diese Shirin ..“

„Ich will Sie ja nicht unterbrechen, aber Shirin hat immer von Ihnen erzählt. Sie sitzen ihr doch direkt gegenüber, oder etwa nicht?“

„Mir gegenüber? Nicht dass ich wüsste … Mir gegenüber sitzt meine Kollegin Susanne Spahn. Und die sitzt da schon seit einigen Jahren. Und überhaupt kenne ich keine Shirin“

Die Frau regt mich auf. Wie kann man nur so verbohrt sein?

„Das kann ich einfach nicht glauben. Schauen Sie: Vor ein paar Wochen waren Sie doch krank, nicht wahr?“

„Äh, ja. Woher wissen Sie das?“

„Shirin hat es mir erzählt. Was dachten Sie denn? Und in der Zeit ist Shirin immer zu Ihnen gefahren, nach Feierabend, und hat Ihnen seelischen Beistand geleistet. Zweimal habe ich sie sogar dorthin gefahren. Macht es bei Ihnen immer noch nicht ‚klick‘?“

„Nein, tut mir leid. Das ergibt alles keinen Sinn. Als ich krank war, kam überhaupt niemand vorbei. Nach drei Wochen ohne Anruf und Besuch bin ich zum Arzt gegangen und habe mir Antidepressiva verschreiben lassen“

Diese Frau nahm (nimmt?) ihre Antidepressiva offenbar nicht ohne Grund. Offenbar ist jede Diskussion zum Scheitern verurteilt. Entmutigt gebe ich auf.

„Okay. Lassen wir die Diskussion. Danke für die Auskunft und … ähm gehen Sie ruhig regelmäßig zu Ihrem Arzt“

„Äh, Ärzt? Wieso? Ich bin doch wieder …“

An dieser Stelle lege ich auf. Es bleibt nicht viel festzustellen: Shirin ist immer noch verschwunden. Ich würde gerne ihre Freundinnen anrufen, aber außer der Nummer ihrer Arbeitsstelle habe ich nichts außer ein paar Namen, die ich unmöglich zuordnen kann.

Auf der einen Seite würde ich gerne bei der Polizei anrufen und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Andererseits ist Shirin alt genug, um auf sich selbst aufzupassen und ist in der Vergangenheit schon öfter unangemeldet verschwunden. Vielleicht sollte ich ihr einfach noch ein bisschen Zeit geben.


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Shirin?

Als ich heute früh aufwache, stimmt wieder etwas nicht, etwas anderes.
Meine Wahrnehmung ist … unverändert!
Ich bin immer noch im Besitz … aller Gliedmaßen und Sinne!

Sichtlich entspannt falle ich zurück ins Bett. Ein ungutes Gefühl bleibt. Ich glaube, etwas übersehen zu haben. Also stehe ich auf und schaue mich in der Wohnung um. Dann klopfe ich an die Zimmertür meiner Schwester, Shirin. Sie wohnt mit mir zusammen. Es regt sich nichts. Vermutlich arbeitet sie bereits.
Ein komisches Gefühl bleibt trotzdem.

Am Abend kommt Shirin nicht nach Hause. Ich muss morgen mal in ihrem Büro anrufen, um zu erfahren, ob etwas vorgefallen ist.


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Gewohnheit

Meine Situation verbessert sich nicht.

Ich nehme die verschlechterte Wahrnehmung zunehmend hin. Ist schon erstaunlich, wie leicht man sich an alles Mögliche gewöhnt. Ich sollte in ein paar Jahren ein Buch darüber schreiben!


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Es wird nicht besser

Als ich am folgenden Tag aufstehe, ist die Situation unverändert. Alles, aber auch wirklich alles ist etwas bleicher als vorgestern. Ich suche einen Arzt auf, um meinem Leiden einen Namen geben zu lassen.

Der schaut mich mäßig bestürzt an, als ich ihm die Symptome schildere (wobei ich meine Selbstdiagnose verheimliche – vorerst) und gibt mir daraufhin ein paar Tabletten, die meine Sehkraft wiederherstellen sollen.

Natürlich werden diese Tabletten nichts bringen, weil sie das eigentliche Problem nicht beheben, doch das erzähle ich dem Augenarzt nicht. Er soll von selbst auf die richtige Lösung des Problems kommen. Der möglicherweise todbringende Eingriff, bei dem große Teile meines Hirns entfernt werden müssen, um das Schlimmste zu verhindern, ist letztlich unausweichlich!

Randnotiz: Hoffentlich werden diese Zeilen niemals veröffentlicht, denn wie allgemein bekannt ist, sind Tagebücher so ziemlich das Langweiligste, was man Schreiben und gleichzeitig Literatur nennen kann. Die Ausnahmen, die es wert sind, gelesen zu werden, kann man an einer Hand abzählen.


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Tumorbleiche

Irritiert schabe ich mit den Fingern an der Wand, die nicht mehr mit weißer, sondern mit grauer Raufaser tapeziert scheint. Ungläubig reibe ich mir die Augen und versuche mir einzureden, dass mit den Augen etwas nicht stimmt. Sicherlich bin ich zu schnell aus dem Bett hochgefahren.

Nach Sekunden öden Starrens und Aufsichwirkenlassens stelle ich fest: Alles in meiner Umgebung ist wenigstens zehn Prozent bleicher als sonst.

Mit einiger Mühe schleppe ich mich ins Bad, wasche mein Gesicht und die Augen. Bestimmt wird es besser, wenn ich etwas wacher bin.

Auch beim Frühstück bleibt es dabei. Ich sehe alles etwas bleicher, ein bisschen ausgewaschener, langweiliger als sonst. Es muss offenbar etwas Ernstes sein!

Erkältung? … Nein. Fiese Krankheiten? … Nein. Eltern und Verwandtschaft sind genetisch nicht besonders belastet, nur wenige haben (oder hatten) Krebs. Bleibt nur eine Möglichkeit übrig: Der klassische Hirntumor hat es auf mich abgesehen. Ein böswilliges, eitriges Stück Tumor, so groß, dass es beide Augen zugleich von hinten drückt! Mit dieser Erkenntnis halte ich mich allerdings besser noch zurück, denn es könnte sein, dass meine Eigendiagnose infrage gestellt wird.


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In den nächsten Wochen wird hier ein etwas längerer Text in kleinen Häppchen serviert.

Aufpassen, Sarah! war mein Beitrag zum nationalen Roman-Schreibemonat (NaNoWriMo) 2009. Ich bin nicht annähernd an die Vorgabe des Wettbewerbs gekommen, habe aber trotzdem mehr geschrieben als in den letzten Monaten davor zusammen.

Startpunkt ist Tumorbleiche und eine Übersicht gibt es auch.