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Tochter?

Nach einer Woche fehlt von Shirin noch immer jede Spur. Sie hat sich nicht gemeldet. Nicht einmal Freundinnen oder Bekannte haben sich bei mir gemeldet. In meiner Verzweiflung schalte ich unsere Eltern ein.

Die sind gerade aus einem Urlaub zurückgekehrt und wissen vielleicht mehr als ich. Haben sie Shirin unter Umständen sogar mitgenommen ohne mir etwas zu sagen? Ein Anruf bringt vielleicht Klärung …

„Hallo Hilde. Wie war der Urlaub?“

„Ach, wir hatten schlechtes Wetter. Der Urlaub war insgesamt nicht so schön, wie ich mir das erhofft hatte. Und wie sieht es bei dir aus?“

„Nun, ja. Hilde, deiner Tochter scheint verschwunden zu sein“

Am anderen Ende ist es still. Offenbar muss Hilde die Nachricht erst einmal verdauen.

„Sehr witzig, Herr Einzelkind. Erst so ein schlechter Urlaub, und dann begrüßt mich mein einziges Kind mit solchen Seltsamkeiten!“

„Wie … Seltsamkeiten? Ich meine doch nur, dass Shirin seit Tagen nicht mehr hier aufgekreuzt ist!“

„Shirin? Welche Shirin? Ist das deine neue Freundin?“

„Nein, nein. Ich meine deine Tochter“

„Du willst mich auf den Arm nehmen, oder? Ich habe keine Tochter, auch keine versteckte oder uneheliche. Ich habe genau ein Kind – dich. Und nach deiner Geburt habe ich mich sterilisieren lassen, weil du eine Risikoschwangerschaft warst und eine weitere Schwangerschaft ein extremes Risiko für mich bedeutet!“

Ich fühle mich wie in einem falschen Film.

Meine Mutter legt keinen Wert darauf, mit anderen Leuten Spaß zu treiben. Wenn sie etwas sagt, dann meint sie es ernst. In diesem Fall, das erkenne ich an ihrem Ton, meint sie es bitterernst. Wenn ich noch weiter auf ihre Tochter zu sprechen komme, wird sie sicher ausflippen.

„Also gut, Hilde. Ich will dich nicht weiter belästigen“

„Das will ich wohl meinen“ kommt es prompt zurück. Danach legt sie ohne Verabschiedung auf.

Das war nicht sehr zielbringend.


Wandern: zurück, vor, zum Anfang, zur Übersicht

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Wenn die kleine Schwester abhanden kommt, macht man sich so seine Gedanken. Ich erinnere mich an die Dinge, die uns verbinden.

Shirin war als Teenager ein Problemfall. Sie war nicht so oberflächlich wie die meisten Mädchen in ihrer Klasse. Sie hatte ein paar wenige, verschlossene Freundinnen, die sie oft mit nach Hause brachte. Mit den meisten von Ihnen konnte ich nichts anfangen. Nur eine war etwas offener und reagierte auch ein bisschen auf meine ziemlich dämlichen Großer-Bruder-Sprüche.

Wie sich bald herausstellte, war dieses Mädchen hinterhältig und hatte nur Freundin gespielt, um Shirin besonders stark demütigen zu können. Genau das gelang ihr leider und Shirin rannte das erste Mal weg. Niemand wusste wohin sie geflüchtet war und wir hatten schreckliche Angst um sie.

Nach zwei Tagen fand ich sie unter einer Brücke in einem anderen Stadtteil. Sie war komplett durchgefroren und hatte sich mehrere Verletzungen an den Oberarmen zugefügt, die kleine, aber sichtbare Narben hinterließen. Nach diesem Erlebnis war sie noch verschlossener und flüchtete sich in Bücher und Schreiben.

Alle waren sehr erleichtert, als sie nach dem Abitur aus sich heraus kam. Sie begann ein Studium und jobbte nebenher bei einer Werbeagentur. Die Arbeit dort gefiel ihr so gut, dass sie nach dem Studium in die Werbung ging und bei Werbabim, einer überregionalen Werbeagentur begann. Sie wurde innerhalb weniger Monate so erfolgreich, dass man bereits einige Werbspots im Fernsehen bewundern konnte, die sie mitproduziert hat.

Umso mehr wundert es mich, dass ihre Agentur plötzlich nicht mehr weiß, wer sie eigentlich ist. Oder vielleicht ist diese Helga, mit der ich sprach, nicht ganz auf der Höhe.

Ich hoffe, auch wenn das nicht fair ist, dass die zweite Variante zutrifft.


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